(fi) Aktuell besteht im ganzen Kanton eine hohe Unterversorgung im hausärztlichen und kinderärztlichen Bereich. Besonders betroffen davon ist das Obere Fricktal.
An der nächsten Grossratssitzung wird von den SP-Grossratsmitgliedern SP-Grossratsmitgliedern Rolf Schmid, Frick, Colette Basler, Zeihen sowie Dr. Lucia Engeli, Unterentfelden, ein Postulat eingereicht. Sie fordern darin einen Bericht darüber, was der Kanton (wohl auch in Zusammenarbeit mit den Gemeinden) tun kann, um die Versorgungsdichte rasch möglich wieder zu verbessern. nachfolgend das Postulat im Wortlaut:
«Der Regierungsrat wird aufgefordert mit einem Bericht aufzuzeigen, mit welchen konkreten Massnahmen die Ansiedelung und Niederlassung von Berufsgruppen der Grundversorgung, insbesondere von Hausärzt:innen und Kinderärzt:innen gefördert und langfristig sichergestellt werden. Der Bericht soll dabei ein Augenmerk auf die standortspezifischen Gegebenheiten und die kurzfristigen Massnahmen in Regionen mit besonders hoher Unterversorgung legen.
Begründung:
Die medizinische Grundversorgung durch Haus- und Kinderärzt:innen ist für die Funktionalität und Qualität des Gesundheitssystems von grosser Bedeutung. In Anbetracht der laufenden Diskussion um steigende Gesundheitskosten haben die Fachpersonen eine zentrale Triagefunktion und verhindern präventiv die Überlastung der Notfallstationen.
In der Schweiz besteht eine hausärztliche Unterversorgung: Bereits zum heutigen Zeitpunkt wird der Schwellenwert nach OECD-Standard von einer Hausärztin bzw. einem Hausarzt auf 1000 Einwohner:innen nicht mehr erreicht (Stand 2020: 0.94). Die Prognosen sind düster: Bis ins Jahr 2040 dürfte dieser Wert weiter auf 0.71 sinken . Noch dramatischer sieht die Lage im Kanton Aargau und seinen ländlichen Gebieten aus. Das Bundesamt für Statistik errechnete für 2021 eine Dichte von lediglich 0.57 Ärzt:innen auf 1000 Aargauer:innen. Dies entspricht dem zweittiefsten Wert schweizweit. Eine Erhebung der Argomed Ärzte AG im Auftrag des Fricktal Regio Planungsverbandes hat gezeigt, dass dieser Wert im Aargau bei 0.65 Hausärzt:innen liegt und auf dem Land sogar nur noch 0.4 bis 0.55 beträgt. Dies ist gleichbedeutend mit rund 1800 bis 2500 Patient:innen pro Vollzeitäquivalent. Die Realität zeigt, dass heute viele Leistungserbringende keine neuen Patient:innen mehr aufnehmen, weshalb Patient:innen vermehrt die Notfallstationen aufsuchen. Besonders dramatisch ist diese Situation im Bereich der kinderärztlichen Grundversorgung.
Obwohl die Anzahl Hausärzt:innen vielerorts zunimmt, vermag dieses Wachstum die zentrale Herausforderung nicht abzufedern. Wie die Studie der Argomed Ärzte AG zeigt, kommt erschwerend hinzu, dass sich die Altersverteilung der praktizierenden Hausärzt:innen nach hinten verschiebt und die verfügbaren Ressourcen zur Versorgung von Patient:innen nicht substanziell zunehmen, da viele Ärzt:innen in Teilzeit tätig sind.
In der gesundheitspolitischen Gesamtplanung zeigt die Regierung bereits auf, dass sie den Handlungsbedarf erkennt und bereit ist, gezielte Fördermassnahmen zu beschliessen. Dennoch lässt die gegenwärtige Situation in gewissen Regionen, wie z.B. dem oberen Fricktal, keinen weiteren Aufschub zu. Übergeordnete Veränderungen auf der Bundesebene wie etwa die Anpassung der Tarifstrukturen lassen auf sich warten, die Situation für die Patient:innen, gerade solche ohne Praxisplatz, verschärft sich laufend.
Hausärzte arbeiten aufgrund dieses Fachkräftemangels nicht selten eine 80-Stundenwoche. Dazu kommt, dass ein wichtiger Teil ihrer Arbeit nicht abrechenbar ist, insbesondere Gespräche, welche oft hohe Kosten für das System verhindern können. Der Grund ist das völlig veraltete Tarmed-System, welches seit 30 Jahren unverändert blieb in einem Umfeld, welches sich unterdessen enorm weiterentwickelt hat. Die Attraktivität des Hausarztberufs hat darunter gelitten, was auch dem Nachwuchs anzumerken ist. Die Facharztspezialisierung mit besseren Möglichkeiten, teure Untersuchungen abzurechnen, sind hingegen sehr beliebt. Kostentreiber im System sind vermehrte Spezialuntersuchungen. Wenn die Versorgung durch Hausärzt:innen und Kinderärzt:innen weiter schwindet, wird das System entsprechend teurer.
Die Attraktivität des Hausarztberufes ist in den verschiedenen Kantonen unterschiedlich. So fällt es im Kanton Aargau beispielsweise ins Gewicht, dass keine direkte Medikamentenabgabe möglich ist. In den umliegenden Kantonen ist dies möglich, wodurch der Lohn um einen relevanten Prozentsatz (gegen 30%) ansteigt, ohne dass das System teurer wird. Es gibt auch Beispiele wie der Kanton Uri, welcher die Attraktivität des Hausarztberufes dadurch steigert, dass Gemeinden die Hausärzte fix anstellen und damit die fehlende Abrechenbar-keit aus der öffentlichen Hand ausgleichen.
In anderen Regionen oder im Ausland gibt es weitere Fördermodelle, bei denen die öffentliche Hand mit gezielten Investitionen, z.B. in die Ausstattung einer Praxis, Renovations- oder Umbauarbeiten, die Ansiedlung von Haus- und Kinderärzt:innen unterstützt. In Ebnat-Kappel wird seit 2012 erfolgreich eine Genossenschaftspraxis betrieben.
Der AAV seinerseits schlägt, wie in der Mittagsveranstaltung vom 11. Juni 2024 präsentiert, einen freiwilligen Notfalldienst mit einer attraktiven Vergütung vor, was eine Steigerung der Attraktivität durch einen Zusatzverdienst ermöglicht.
Es ist absehbar, dass der Hausärztemangel sich in den nächsten 10 Jahren dramatisch verschärfen wird. Das negative Anreizsystem muss rasch korrigiert werden, alle anderen Szenarien sind schlecht - für die Bevölkerung, aus Sicht der Systemkosten und für die kantonale Versorgung.
Darum bitten wir den Regierungsrat um eine Prüfung rascher Massnah-men, um Gegensteuer zu geben gegen die rasch zunehmende Unterversorgung.»