Der Vogelpark Ambigua in Zeihen ist Auffangstation und Artenschutzzucht in einem. Heuer feierte er sein zehnjähriges Bestehen – Gelegenheit für einen Rück- und Ausblick mit Vogelpark-Chef Rolf Lanz.
SONJA FASLER
Es ist ein kalter, nebliger Wintermorgen, als sich fricktal.info im Vogelpark Ambigua einfindet. Die farbenfrohen Vögel, die sich trotz der Kälte in den Aussenvolieren aufhalten, empfangen Besucher laut krächzend und pfeifend. Wäre es nicht um die Null-Grad-Grenze, könnte man fast meinen, man sei im Regenwald.
Parkgründer und Leiter Rolf Lanz ist in der Küche beschäftigt. Das Vogelpark-Team erwartet noch Gäste. Ansonsten ist jetzt Saisonende, und der Park öffnet traditionellerweise am Karfreitag, 3. April, wieder. Winterpause kann man das bevorstehende Vierteljahr allerdings nicht nennen, denn die Vögel müssen auch im Winter umsorgt werden.
Das sich dem Ende neigende Jahr war ein besonderes, stand es doch im Zeichen des Jubiläums «10 Jahre Vogelpark Ambigua» mit zahlreichen Spezialanlässen. Schon zehn Jahre: Rolf Lanz kann es kaum glauben, so viel hat sich in dieser Zeit ereignet. «Am 1. Mai 2015 habe ich die ‹Artenschutz-Zuchtstation› eröffnet und nicht im Entferntesten daran gedacht, einen Vogelpark für Besucher zu gründen», erzählt der Vogelparkgründer, der sich unter anderem dem Schutz des bedrohten «Ara Ambigua», dem Namensgeber des Parks, widmen wollte, rückblickend.
Er war damals 65 Jahre alt und frisch pensioniert. «Ein Banker sagte mir, ich solle doch jetzt die Füsse hochlagern, ein gutes Glas Wein trinken und das Leben geniessen», erinnert sich Rolf Lanz, der sich dadurch von seiner Vision nicht abbringen liess. Hier in Zeihen, am Dorfrand zwischen dem Forstbetrieb, der Bahnlinie und einem Handwerksbetrieb, fand er damals das ideale Grundstück für sein Projekt. Bei dem Lärmpegel, den die Vögel verursachen, wäre ein Grundstück mitten in einem Dorf kein Thema gewesen. Hier entstand nach und nach der Park mit vielen grösseren und kleineren farbenfrohen Gebäuden und grosszügigen Volieren – alles «made by Rolf Lanz» mit Unterstützung seiner treuen Helfer.
Über Nacht von der Zucht- zur Auffangstation
Auf die Frage nach den prägendsten Ereignissen in den zehn Jahren muss der 75-Jährige nicht lange überlegen. «Durch das geänderte Tierschutzgesetz, das 2018 in Kraft trat, wurden wir quasi über Nacht zur Auffangstation.» Nicht nur viele private Halter mussten ihre Tiere abgeben, weil sie die Auflagen bezüglich Haltung der exotischen Vögel nicht mehr erfüllen konnten, sondern auch Zoos und Tierpärke. Der Kinderzoo Rapperswil war einer der ersten, der den Zeiher Vogelpark darum bat, seine Papageien aufzunehmen. «Ein kleiner Papagei hat nun mal keinen ‚Jö-Effekt’ wie junge Säugetiere», weiss Rolf Lanz. «Es dauerte nicht lange, und wir hatten die Hütte voll.» Und zwar bis heute. Der Vogelpark Ambigua, wo inzwischen über 400 Tiere und 74 Arten leben, musste sogar einen Aufnahmestopp verhängen.
«Heute sind wir sogar mehrheitlich Auffangstation und haben nur noch vier Vogelarten – Ara Ambigua, Goldsittich, Sonnensittich und Kap-Papagei – im Schutzprogramm.» Der Vogelpark ist übrigens Mitglied im EEP, dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm. «Ich tat mich anfangs etwas schwer damit, mich nicht wie geplant voll und ganz auf die Eigenheiten der Züchtungen konzentrieren zu können», gesteht Rolf Lanz, «aber heute ist meine Motivation nicht mehr in erster Linie, Arten zu erhalten, sondern den vielen Schicksalstieren ein Daheim bieten zu können.»
Über die Hälfte des Bestands sind Abgabetiere aus privater Hand. Sie stammen grösstenteils aus Beschlagnahmungen. Leider würden auch heute immer wieder unüberlegt exotische Vögel angeschafft, ärgert sich Rolf Lanz, der sich ganz bewusst selbst als «Halter» und nicht als «Züchter» bezeichnet. Züchter seien oft nur aufs schnelle Geld aus, nutzten die Begabung der Vögel, vornehmlich der Graupapageien, zum Sprechen aus. «Sie bringen ihnen ein paar Worte bei, was den Preis nochmals in die Höhe treibt.»
Nicht zum Sprechen geboren
Dass die Tiere je nach Art 15 bis 70 Jahre alt werden können, sei vielen nicht bewusst. Ebenso wenig, dass es vielleicht die Nachbarn nicht so toll finden, wenn nebenan ständig ein Papagei krächzt. «Ein Papagei ist nicht dazu geboren, um zu reden und zahm zu sein.» Die Exoten sind allesamt keine Einzelgänger und leben in der Freiheit in grossen Populationen. Mit einer Einzelhaltung tut man den Tieren also nichts Gutes.
Aber zurück zu den Meilensteinen in der Geschichte des Vogelparks. Ein weiterer war im Winter 2018/19, als vier Betreuer mit schwerstbehinderten Kindern den Park besuchten und Rolf Lanz bewusst wurde, an wie viele Grenzen sie dabei stiessen. Weder Bodenbelag noch WC-Anlage waren auf Rollstühle ausgerichtet. «Da wusste ich: Entweder ich schaffe es, den Park barrierefrei zu gestalten, oder ich muss ihn schliessen.» Rolf Lanz entschied sich für Ersteres und investierte in den massiven Umbau. «An Ostern 2019 konnten wir den barrierefreien Park eröffnen.» Damals wusste er noch nicht, dass den Vogelpark nicht einmal ein Jahr später ein herber Schlag treffen würde: Corona. «Wir mussten den Park für 16 Monate schliessen und hatten keine Einnahmen mehr.» Das war hart, aber Rolf Lanz ist stolz darauf, dies überstanden zu haben – ohne Corona-Unterstützung, «weil der Vogelpark schuldenfrei war, und dank des grossen Rückhalts aus der Bevölkerung».
Beschlagnahmte Tiere verbringen zuerst einmal zehn bis dreissig Tage in der Quarantänestation und durchlaufen einen Gesundheits-Check. «So geht man zum einen sicher, dass keine Krankheiten eingeschleppt werden, und man lernt das Tier kennen, um beurteilen zu können, in welche Gruppe es passt», erklärt Rolf Lanz. Nicht alle überleben die ersten Tage, so kläglich ist manchmal ihr Zustand, wenn sie ankommen. «Eine traurige Angelegenheit», sagt der Vogelparkbetreiber, der sich über die Unvernunft der Leute ärgert.
Die Tiere, die es schaffen, sind im Vogelpark Ambigua in Sicherheit. Rund um die Uhr ist jemand vor Ort. «Die Morgen- und Abendrunden sind am wichtigsten – und im Winter die Temperaturkontrolle.» Die Vögel können Tag und Nacht, 365 Tage im Jahr, in ihre Aussenvolieren. Aber ein blockierter Schieber wäre fatal, denn so könnten die Tiere bei Minustemperaturen über Nacht draussen erfrieren.
Voliere für handicapierte Vögel
Der Vogelpark ist eigentlich komplett so, wie er ist, doch Rolf Lanz sprüht noch immer vor Ideen. Ein Projekt für 2026, das ihm sehr am Herzen liegt, ist der Abriss des baufälligen Gebäudes 5 und der Bau einer neuen Voliere. «Hier soll ein Zuhause für dreissig schwerstbeeinträchtigte, traumatisierte, flugunfähige Vögel entstehen.» Ohne Spendengelder geht das allerdings nicht. Und auch nicht ohne die Unterstützung seines Teams. Dieses umfasst 300 Stellenprozente, ohne Rolf Lanz.
Seine rechte Hand ist Noemi Appert, die seit acht Jahren dabei ist. Sie absolvierte damals im Rahmen eines Praktikums der Schweizer Armee einen Einsatz im Vogelpark – und blieb hängen. Sie hat heute die Betriebsleitung inne und ist die Stellvertreterin von Rolf Lanz. Der Vogelpark Ambigua ist eine GmbH. «Eine vom Kanton anerkannte gemeinnützige, steuerbefreite Gesellschaft, die ohne Spendengelder und Unterstützung nicht existieren könnte», so Rolf Lanz.
Ausserdem ist ihm wichtig, dass der Vogelpark auch weiterexistieren kann, wenn er einmal nicht mehr ist. Die eigene Vergänglichkeit wurde ihm vor etwas mehr als einem Jahr bewusster denn je, als er einen schweren Unfall erlitt und in der Folge unter anderem 14 Knochenbrüche und eine Hirnblutung hatte. Dass er heute wieder so topfit ist, kann er selbst kaum glauben. «Mit Noemi Appert und Martin Vögeli habe ich die Nachfolge geregelt», sagt Rolf Lanz, der hofft, dass auch die vielen freiwilligen Helfer weiter mit dabei sind. Darunter einige sehr begabte Handwerker, deren treue Mitarbeit unbezahlbar sei, betont Rolf Lanz und macht deutlich, dass das ständige Team an Angestellten sonst an Grenzen stossen würde.
Apropos freiwillige Hilfe: Vor Kurzem leisteten die Rotaryclubs Laufenburg und Rheinfelden einen wertvollen Beitrag, indem sie auf einem bisher nicht genutzten Stück Land, angrenzend an den Park, Beerensträucher gepflanzt haben, die künftig Nahrung für die exotischen Vögel liefern werden.
Weihnachts-Interview mit Chico – dem König des Vogelparks
Auf die Frage, ob es unter den vielen Vögeln so etwas wie einen heimlichen Star gebe, muss Rolf Lanz nicht lange überlegen: «Chico natürlich», sagt er lachend. Wer meint, dies sei wohl der Schönste oder der Gesprächigste, irrt sich jedoch. Der Kakadu ist einer der vielen Bewohner des Vogelparks, die aus einer Beschlagnahmung stammen. «Am 7. August 2019 zog er ein», wie sich Rolf Lanz genau erinnert. Dort, wo er herkam, lebten 130 Tiere in schlimmsten Verhältnissen. Chico wurde übel mitgespielt: Der Ärmste hat nur noch einen Fuss, und am zweiten fehlt eine Kralle, ausserdem hat er kahle Stellen am Leib und kann nicht mehr fliegen. «Ein Wunder, dass der schätzungsweise etwa 40 Jahre alte Vogel überhaupt noch lebt», sagt Rolf Lanz und erinnert sich an das klägliche Bündel, das damals in die Auffangstation kam.
Chico, wie fühlst du dich als König des Vogelparks?
Chico: Es ist das Beste, was es gibt. Ich bekomme viel Aufmerksamkeit, und alle kennen und hofieren mich. Mein Chef sagt zwar, ich sei potthässlich und eingebildet. Keine Ahnung, wie er darauf kommt, den Jö-Effekt habe ich jedenfalls sicher. Wahrscheinlich ist er eifersüchtig. Und zähmen lasse ich mich auch nicht – soweit kommt’s noch!
Der Winter ist da. Wie erlebst du als tropischer Vogel die kalte Jahreszeit? Hast du Winterrituale?
Chico: Im Winter bin ich am liebsten drinnen an der Wärme. Ich finde die Jahreszeit toll: Es gibt regelmässig Nüsse, und ich muss nicht ständig das grauenvolle Gemüse fressen. Im Sommer muss ich ja auf fettige Nahrung verzichten, weil ich sonst zu schwer werde – meint der Chef.
Heute ist Heiligabend. Wie erlebst du das Weihnachtsfest?
Chico: Über Weihnachten ist unser Chef immer ein paar Tage alleine mit uns. Er mag das. Und ich komme damit in den Genuss seiner vollen Aufmerksamkeit, weil er sich viel mehr Zeit für uns nimmt als sonst. Ich mag es, verhätschelt zu werden. Und wenn er damit aufhört, kann ich sehr lautstark protestieren. Harte Schale, weicher Kern, sagt der Rolf immer.
Über welche Eigenheiten der Menschen amüsierst du dich?
Chico: Wenn Leute vor meiner Voliere stehen und allerlei Faxen machen, die ich wohl nachahmen soll, finde ich das zum Totlachen. Aber ich lasse ihnen die Freude.
Wie dankbar bist du Rolf und seinem Team, dass du hier sein darfst?
Chico: Unbeschreiblich. Das ist ein Sechser mit Zusatzzahl.
Was wünschst du dir für dich und deine gefiederten Freunde?
Chico: Natürlich, dass mein toller Park hier noch lange erhalten bleibt, vielen anderen Tieren einen schönen Platz bietet und ich hier noch lange regieren darf und verwöhnt werde – und das Team ärgern kann.
Interview: Sonja Fasler