Egal, ob man ihr vorbehaltlos oder kritisch gegenübersteht – eines ist sicher: An der KI führt kein Weg mehr vorbei. Der Fricktal Regio Planungsverband lud am vergangenen Donnerstagabend in den Saalbau Stein, wo sich Fachleute zum Thema «KI – Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz» äusserten.
SONJA FASLER
Sie habe selbst «Befürchtungen und Sorgen», wenn sie an KI denke, meinte Françoise Moser, Präsidentin des Fricktal Region Planungsverbands in ihrer Begrüssung. «Ich möchte meine Texte noch selbst schreiben», betonte sie und stellte die Fragen: «Wie intelligent ist die KI – oder wie dumm?» und «Wo steckt KI überhaupt überall drin?».
Antworten darauf erhofften sich die rund 200 Anwesenden im Saalbau von Prof. Dr. Susanne Suter, Dozentin am Institut für Data Science an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Brugg-Windisch, von Patrick «Karpi» Karpiczenko, Satiriker und KI-Experte sowie von Marcel Aumer, CEO/Verwaltungsratspräsident und Mitbegründer der FlexBase Group, die das Technologiezentrum Laufenburg mit KI-Rechenzentrum betreiben wird. Durch den Abend führte der ehemalige SRF-Moderator und Journalist Patrick Rohr, der als Medienprofi seine eigenen Erfahrungen mit KI und seine diesbezüglichen Bedenken einfliessen liess. So schätze er zum einen das KI-basierte Übersetzungsprogramm. «Meine Texte kommen so auf Englisch besser heraus, als ich sie je geschrieben habe», gab Rohr lachend zu. Auf der anderen Seite hege auch er Bedenken gegenüber KI, habe er doch kürzlich mit einem Telekom-Unternehmen geschrieben und irgendwann feststellen müssen, dass er sich mit einem Chatbot und nicht mit einem Menschen aus Fleisch und Blut unterhalte. «KI ist gekommen, um zu bleiben», stellte er ernüchtert fest, um Referentin Susanne Suter zu fragen, wohin die Reise nun gehe.
KI macht weniger Fehler als der Mensch
«Anfang der 2000er-Jahre hätte ich nie gedacht, dass KI mal so gut wird, wie sie heute ist», gab diese zu. Die regelbasierte KI habe bereits 1948 ihre Anfänge genommen, um ab 1976 zur lernenden KI und ab 2022 zur Generativen KI zu werden, erläuterte sie. Während die Anfänge also noch mit vorprogrammierten Algorithmen und Regeln funktionierten, kamen in den 1950-er Jahren künstliche Neuronen als grundlegende Bausteine hinzu. Damals gab es ein künstliches Neuron, inzwischen sind es Milliarden. Diese funktionieren ähnlich wie ein menschliches Gehirn, empfangen also Daten, verarbeiten diese und geben sie weiter. Inzwischen sei die KI soweit, dass sie weniger Fehler mache, als ein Mensch, so die Professorin, die anhand von Beispielen deutlich machte, wo KI inzwischen erfolgreich eingesetzt werden könne. Etwa bei der Bildbearbeitung, im Biocycling, wo dank KI Fremdpartikel wie Papier oder Metall aus dem Kompostdünger gezogen werden können, in der Klassifizierung von Pollenarten, bei der Erkennung von Kariesstellen an Zähnen oder seit neustem sogar bei einer Geburt. So liesse sie mittels Drucksensoren in der Matratze des Gebärbetts und KI die Geburt besser überwachen und sogar beeinflussen. Auch in KMUs lasse sich die KI heute bestens integrieren, indem sie dabei helfe Wege zu finden, um einzelne Bereiche des Betriebs zu automatisieren, erklärte die Dozentin. «Ist es gut, auf diese Weise Menschen zu ersetzen?», gab Patrick Rohr im Gespräch mit Susanne Suter zu bedenken. «KI ist nur ein Werkzeug, der Mensch kann nicht ersetzt werden», betonte diese.
«Wir können das Rad nicht zurückdrehen»
In ihm löse es ein ungutes Gefühl aus, wenn er sehe, dass KI bereits in Kriegen oder im US-Wahlkampf eingesetzt würde, sprach Patrick Rohr weitere Bedenken an und wandte sich damit an Patrick «Karpi» Karpiczenko. Der Autor, Regisseur und Komiker arbeitet mit KI seit er 12 Jahre alt war, und geht unverkrampft aber nicht unkritisch mit KI um. Er habe viele seiner Comedy-Programme aus dem Scheitern der Maschinen geschöpft, «aber dieses wird immer weniger», gab Karpi zu. Er zeigte einige Ausschnitte seiner KI-Experimente, zum Beispiel Volksinitiativ-Plakate, die eine «simple» von ihm entwickelte Software täglich für ihn nach dem Zufallsprinzip aus einzelnen Phrasen zusammensetzt und postet. So entstanden witzige Slogans wie «Honig nur noch direkt ab Biene – Ja» oder «Alle Strassenampeln durch Eigenverantwortung ersetzen – Ja» oder «Linksverkehr für ungerade Autonummern – Ja». ChatGPT sei inzwischen übrigens kritischer geworden, stellte Karpi fest, als er einen Negativ-Bewertungstext für das Weihnachtsessen bei seiner Grossmutter forderte. Während ChatGPT einen solchen Auftrag bis vor kurzem in Sekundenschnelle ausführte, bekomme er heute die Antwort, er solle doch lieber das Gespräch mit seiner Grossmutter suchen. Hingegen lieferte ihm KI problemlos einen neuen DJ-Bobo-Song über Schinken, eine neue Schweizer Nationalhymne oder ein Bild eines Durchschnittsbundesrats. Vielem im Netz könne man nicht mehr trauen, gab er zu. Bilder werden massenweise gefälscht. Manchmal offensichtlich, manchmal brauche es ein sehr genaues Hinschauen. «Wir sehen, was wir sehen wollen, aber man muss selbst denken und überprüfen», brachte es der Satiriker auf den Punkt. Die Gefahr sei, dass sich durch viele Desinformationen Zynismus breitmache und man irgendwann gar nichts mehr glaube. Sein Rat: sich der KI nicht zu verschliessen. «Es macht Spass, mit KI zu arbeiten, etwa in Bezug auf Bilder oder Musik», betonte er. Ganz nach dem Prinzip «die Geister, die ich rief» könne man das Rad nicht zurückdrehen. Deshalb solle man lieber positiv an die Sache herangehen.
In Laufenburg entsteht das grösste Rechenzentrum der Welt
Damit KI überhaupt funktionieren kann, braucht es Unmengen von Strom und gewaltige Rechner. Ab dem kommendem Jahr soll in Laufenburg das grösste Rechenzentrum der Welt entstehen. «Noch grösser, als jenes in China, das zurzeit gebaut wird», erklärte Marcel Aumer, Mitgründer und CEO der FlexBase Group, einem innovativen Unternehmen, das 2022 gegründet wurde. Die FlexBase Group hat ihren Sitz in Laufenburg und verfolgt das Ziel, mit modernen Technologien in den Bereichen Informatik, sichere Kommunikation und erneuerbare Energien neue Arbeitsplätze zu schaffen und die Region zu stärken. Unter der Leitung von Aumer plant FlexBase neben dem ehemaligen Swissgrid-Gebäude, das zum Betriebsgebäude umfunktioniert werden soll, den Bau eines hochmodernen Technologiezentrums. Dieses soll unter anderem ein KI-gestütztes Rechenzentrum und einen Batteriespeicher mit einer Kapazität von über 500 Megawattstunden umfassen. «Dafür gibt es nur diesen einen Ort, den Stern von Laufenburg», betonte Aumer und wies dabei auf das Herzstück des Schweizer Stromnetzes hin, welches ein bedeutender Knotenpunkt für die Stromverteilung in der Schweiz und über die Landesgrenzen hinaus ist. Bereits 2028 werde die KI soviel Strom verbrauchen, wie ein Land in der Grösse Argentiniens, so Aumer. Dafür möchte sich die FlexBase Group wappnen. In seinem Kopf bestand die Idee schon lange, doch erst im vor einem Jahr ergab sich die Möglichkeit, das entsprechende 20 000 Quadratmeter grosse Grundstück in Laufenburg zu kaufen. Aumer, der über entsprechende Netzwerke verfügt, hatte schnell genügend Investoren an der Hand, die an sein Projekt glaubten, das nach seinen Angaben «Kosten im tiefen einstelligen Milliardenbereich» verursachen wird. Baubeginn soll bereits Anfang 2025 erfolge, und Anfang 2028 soll das Rechenzentrum in Betrieb gehen, verriet Marcel Aumer im Gespräch mit Patrick Rohr. Das Unternehmen sei besonders auf Nachhaltigkeit ausgerichtet: Die Abwärme des wassergekühlten Rechenzentrums werde in das Fernwärmenetz der Stadt eingespeist, was zur Senkung der Heizkosten und Treibhausgasemissionen beitrage. Zudem sollen bis zu 350 Arbeitsplätze geschaffen werden, machte Aumer deutlich und zeigte eine erste Visualisierung seines neuen Technologiezentrums.