Eine Landessprache nicht ansatzweise zu beherrschen, stellt für Migrantinnen und Migranten eine grosse Hürde dar. Sprachmobil.ch verfolgt das Ziel, dass sich die Menschen mit einem Fluchthintergrund zumindest in Alltagssituationen verständigen können. Seit einem halben Jahr gibt es das niederschwellige, kostenlose Angebot auch in der Asylunterkunft Frick, wo zurzeit ausschliesslich Menschen aus der Ukraine untergebracht sind. Ralf Rodrigues erteilt dort einmal die Woche mit Herzblut und Enthusiasmus Deutschunterricht – und kommt damit gut an.
SONJA FASLER
«Das ist Sergej, er ist der Ehemann von Alexandra und der Vater von Dana», beginnt Ralf Rodrigues nach der Begrüssung seinen Unterricht. Er spricht die Leute direkt mit Namen an, was dem Unterricht gleich eine persönliche Note verleiht. Heute steigt er mit dem Thema «Familie» ein und erklärt seinen Schülerinnen und Schülern die verschiedenen Bezeichnungen: Mann, Frau, Kind, Mutter, Vater, Tochter. Neun Teilnehmende, acht davon mittleren Alters und ein Kind, haben sich im improvisierten Schulraum im rund 20 Quadratmeter kleinen Aufenthaltscontainer eingefunden, um einen Zugang zur deutschen Sprache zu finden, und hören aufmerksam zu. Ralf Rodrigues muss sich jeden Donnerstag um 10 Uhr überraschen lassen, wie viele Personen sich zum Unterricht einfinden. «Manchmal sind es drei, manchmal fünf und einmal waren es schon siebzehn», erzählt der gebürtige Deutsche. «Ich würde den Unterricht auch durchführen, wenn nur einer oder eine käme», sagt er und zeigt damit, wie motiviert und überzeugt er von der Sache ist. Nicht ganz einfach macht es auch der Umstand, dass nicht immer dieselben Personen kommen. «Je nach Flüchtlingsstatus werden die Leute wieder an andere Orte verlegt, dafür kommen wieder neue», beschreibt er die Situation, die ihm sehr viel Flexibilität abverlangt. «Man baut eine Beziehung auf und plötzlich sind die Leute wieder weg. Damit muss man umgehen können», sagt der Deutschlehrer aus Leidenschaft, der das aber einigermassen gelassen hinnimmt.
Grammatik ist zweitrangig
Er paukt mit seinen Schülern auch nicht Grammatik bis zum Abwinken, sondern strebt eine bessere Verständigung im Alltag an. «Wir arbeiten hier nicht auf ein Diplom hin.» Für ihn ist wichtig, dass die Leute überhaupt kommen, denn das Angebot ist vollkommen freiwillig. Aber offensichtlich trifft er den richtigen Ton. Wahrscheinlich liege es daran, dass er den Leuten vorurteilsfrei begegne. «Vielleicht, weil ich selber Immigrant bin», mutmasst Rodrigues, der vor 14 Jahren «der Liebe wegen» nach Basel gezogen ist, schmunzelnd. Zudem ist er den Umgang mit Menschen gewohnt. Ursprünglich Pflegefachmann mit Zusatzausbildung im Demenzbereich hat er schon alle möglichen Studien absolviert und in zig Berufen gearbeitet. Als Hochschullehrer unterrichtete er bis vor kurzem Texttheorie und Textgestaltung und hat deshalb auch einen pädagogischen Hintergrund. Zudem sei er in einer kinderreichen Familie aufgewachsen, zu der auch noch Pflegekinder gehörten. «Ich bin ein sozial denkender Mensch, der viel Glück in seinem Leben hatte und möchte deshalb gerne etwas für Benachteiligte machen», umschreibt er sein Engagement bei sprachmobil.ch. Da er in einem Jahr pensioniert werde, sei das wohl erst der Anfang, gerne möchte er dies später noch ausbauen, bei sprachmobil.ch oder in einem anderen gemeinnützigen Bereich.
Zurück zum Unterricht: Ralf Rodrigues hat das Thema gewechselt. Jetzt geht es ums Einkaufen. Und um das Ganze zu untermalen, hat er gleich eine Einkaufstasche mit Kartoffeln, Äpfeln, Bananen, Keksen und anderen Lebensmitteln mitgebracht. Mit kleinen szenischen Einlagen haucht er dem Unterricht Leben ein. Als ein Schüler einwirft: «Kostet 30 Franken» und dazu die Hand ausstreckt, bricht die ganze «Klasse» in Gelächter aus – und das Eis ist damit endgültig gebrochen. Fleissig wird in die Notizbücher geschrieben oder auch mal etwas in der Sprach-App nachgeschaut. Ralf Rodrigues spricht kein Ukrainisch. Er weiss sich trotzdem zu helfen und erreicht wenn nötig mit Gestik oder ein paar schauspielerischen Einlagen das nötige Verstehen. Da viele Migranten Englisch sprechen oder zumindest verstehen, kann er notfalls darauf zurückgreifen. «Einige lernen schnell, andere tun sich schwer», weiss er. Eine Frau komme beispielsweise seit Monaten in den Unterricht und habe bisher kaum Fortschritte gemacht. «Ich bin darüber nicht enttäuscht. Sie hat offensichtlich Freude hierher zu kommen und Beziehungen zu pflegen, stellt er fest und macht deutlich, dass das ebenfalls ein wichtiger Punkt sei. «Die eine Deutschstunde in der Woche gibt den Menschen Struktur und trägt dazu bei, das Alltagsgrau etwas bunter zu machen.» In Anbetracht des recht unwirtlich wirkenden, mit Eisengittern abgeriegelten ehemaligen Werkhofareals direkt am Autobahnzubringer kann etwas Abwechslung sicher nicht schaden.
«Viele bedanken sich»
Dass der Deutschunterricht nicht in einem Kirchgemeindehaus oder einem Gemeindesaal stattfinde wie das andernorts der Fall sei, habe praktische Gründe, meint Ralf Rodrigues. Das Zentrum der Gemeinde Frick läge zu weit entfernt und würde damit für viele eine Barriere darstellen. «Das Angebot muss niederschwellig sein, damit möglichst viele Menschen den Zugang dazu finden», betont er. Die Rückmeldungen, die Ralf Rodrigues erhält, geben ihm und natürlich der Organisation sprachmobil.ch recht. «Viele bedanken sich bei mir nach dem Deutschunterricht.» Dies gebe ihm jeweils Schwung für den ganzen Tag, freut er sich. Kritik von Aussen zu seiner ehrenamtlichen Tätigkeit gebe es nur selten. Etwa, dass man den Migranten so den Weg ebne hierzubleiben und sie danach nicht mehr zurückwollten, was natürlich Unsinn sei. Für Ralf Rodrigues gehört das Lehren der Landessprache zur Willkommenskultur.
Mobiler Lernbegegnungsraum
Das sprachmobil.ch feierte am 11. November sein sechsjähriges Bestehen. Ein beachtliches Jubiläum, denn als der Basler Billy Meyer 2018 den mobilen Lernbegegnungsraums ins Leben rief, war noch nicht ganz absehbar, wohin der Weg führt. Das «Ur-Sprachmobil» ist eine Extraanfertigung auf der Basis eines Chassis eines Kleinlastwagens, in welchem bis zu sieben Menschen Platz finden, um gemeinsam zu lernen. Seit November 2018 und bis zu Beginn der Pandemie im März 2020 steuerten freiwillige Sprachbegleiterinnen und Sprachbegleiter das Fahrzeug vor Asylunterkünfte oder Gemeindehäuser in Gemeinden der Nordwestschweiz, um vor Ort Menschen mit Fluchthintergrund (vornehmlich mit Status N, F und S) in die deutsche Sprache einzuführen, oder ihre bereits erworbenen Kenntnisse zu festigen oder zu erweitern. «Mit Beginn der Pandemie – die im Zusammenhang mit Covid 19 behördlich verordneten Massnahmen verunmöglichten den Einsatz des mobilen Unterrichtsraumes – stellten die angefragten Gemeinden schnell und unkompliziert Räume zur Verfügung, in welchen fortan die Lernbegegnungen stattgefunden haben und bis heute stattfinden. Seit Mitte 2022 ist das Sprachmobil auch wieder mit dem fahrbaren sprachmobil.ch unterwegs. Das sprachmobil.ch wird finanziell vollständig von privaten Spendern und Stiftungen getragen», heisst es auf der Website. Als kostenloses und niederschwelliges Angebot für Menschen mit Fluchthintergrund, die infolge ihres Status (vor allen N und F) von Staates wegen keine Unterstützung (mehr) erhalten, bewege sich das sprachmobil.ch in einer Nische und stelle für die gestandenen Sprachschulen und professionellen Sprachlehrern keine Konkurrenz dar. Viele der bislang 12 100 Besucherinnen und Besucher der Lernbegegnungen im sprachmobil.ch besuchten parallel oder nach einer gewissen Zeit auch weitere niederschwellige Deutschkurse, heisst es weiter.
Erstes Bild: Die lokale Sprache zu erlernen hilft Migrantinnen und Migranten, sich in ihrer neuen Umgebung zurechtzufinden. Ralf Rodrigues vom sprachmobil.ch (Bild, sitzend) unterrichtet in der Asylunterkunft in Frick einmal wöchentlich Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutsch. Foto: Sonja Fasler
Zweites Bild: Ralf Rodrigues fährt einmal pro Woche nach Frick und erteilt Deutschunterricht. Foto: Sonja Fasler