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Sie freuen sich auf ein weiteres Familienmitglied: Das Ehepaar Mareike und Frank Stuhr mit ihren beiden eigenen Kindern Linus und Tilda. Foto: Sonja Fasler

«Wir wollen einem Kind ein Zuhause bieten»: Familie Stuhr aus Eiken möchte ein Pflegekind bei sich aufnehmen

Nicht jedes Kind hat das Glück, in eine intakte Familie hinein geboren zu werden und behütet aufzuwachsen. Immer wieder kommt es vor, dass Behörden aus verschiedenen Gründen einschreiten und ein Kind fremdplatzieren müssen. Die Familie Stuhr aus Eiken ist fest entschlossen, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen und ihm das Zuhause und die Geborgenheit zu bieten, die es bis dahin nicht hatte, und ihm damit eine möglichst gute Chance auf ein glückliches Leben zu bieten.

SONJA FASLER HÜBNER

Besucher werden im gemütlichen Zuhause der Familie Stuhr zuerst einmal von den beiden Hunden in-spiziert, die sich danach auf Geheiss von Frauchen brav wieder in ihre Bettchen verziehen. Es ist warm an dem Tag und es bietet sich an, draussen zu sitzen, wo sich der Blick auf einen grossen Garten auftut, der ein richtiges Spielparadies für Kinder ist, mit Schaukel, Kletterturm, Trampolin und viel Grün.

«Irgendetwas fehlt doch noch»
«Im Prinzip war unsere Familienplanung abgeschlossen», erzählen Mareike und Frank Stuhr, als wir am grossen Gartentisch sitzen. Sie stammt aus dem deutschen Essen. Dort, im dichtbesiedelten Ruhrgebiet, wo sie mit zwei Geschwistern aufgewachsen ist, fühlte sie sich nicht mehr wohl und zog schon vor Jahren nach Bad Säckingen. Hier lernte sie dann auch ihren späteren Ehemann kennen. Frank Stuhrs Eltern stammen ebenfalls aus Deutschland, aus der Nähe von Bremen, leben aber seit rund 50 Jahren in der Schweiz. Er ist in Rheinfelden aufgewachsen, als Einzelkind. «Ich hatte eine coole Kindheit, aber Geschwister haben mir trotzdem gefehlt», gesteht Frank Stuhr. Die beiden, die 2015 geheiratet und das Reihenhaus in Eiken bezogen haben, haben zwei Kinder, den neunjährigen Linus und die sechsjährige Tilda. Für Frank Stuhr (40) waren zwei genau richtig, für seine Frau Mareike (36) hätte es auch ein drittes sein dürfen. Sie findet bis heute «irgendetwas fehlt doch noch». Ein weiteres eigenes Kind kam zwar nicht in Frage, aber bald kam der Wunsch auf, ein Kind in Pflege zu nehmen. Eine Möglichkeit, die auch Frank Stuhr überzeugte. Zumal es in Mareike Stuhrs Familie schon positive Erfahrungen mit Pflegekindern gibt: Unter anderem hat eine Cousine ein Flüchtlingskind aufgenommen. Der Junge ist inzwischen erwachsen, ist aber ein vollwertiges Familienmitglied geblieben.
Es gab über Jahre viele Gespräche zwischen den Ehepartnern. «So etwas entscheidet man nicht von heute auf morgen, es ist ein Prozess», sagen die beiden. So stand für sie irgendwann fest: «Wir sind bereit. Wir haben noch Platz und wir wollen einem Kind, das bisher nicht so viel Glück im Leben hatte, ein Zuhause geben.» Bei ihren Erkundigungen über das Pflegekindwesen wurden sie bei der «Fachstelle Pflegekind Aargau» mit Sitz in Baden fündig. Die Fachstelle kümmert sich im Auftrag von Behörden um Pflegeplatzierungen für Kinder, deren Eltern aus diversen, oftmals sehr traurigen Gründen, nicht für sie sorgen können.

Hohe Nachfrage
«Dabei ist uns wichtig, den Kindern bestmögliche Chancen zu geben und ihnen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wohl und geborgen fühlen. Unseren Pflegefamilien zollt grösster Respekt. Sich auf ein Pflegekind einzulassen, es aufzunehmen und den übrigen Familienmitgliedern gleichzusetzen, für dieses da zu sein, auch unter erschwerten Konstellationen, verlangt viel von allen Beteiligten. Diesen Kindern stets einfühlsam und geduldig zu begegnen, auch wenn diese oftmals, aufgrund ihrer Vergangenheit, schwierige Verhalten an den Tag legen – ist eine grosse Herausforderung», beschreibt Corinne Fischbacher die Tätigkeit der Fachstelle und bestätigt, dass die Nachfrage nach Platzierungen derzeit sehr hoch sei. «Wir sind dringend darauf angewiesen weitere Pflegefamilien zu finden, die sich für diese Kinder engagieren möchten. Wir suchen Menschen, die Kindern, meist im Kleinkind- oder Schulalter, ein behütetes Zuhause geben möchten – sei dies mittelfristig, langfristig oder während Wochenenden und Ferien zur Entlastung.»
Das Ehepaar Stuhr fühlte sich bei der Fachstelle von Beginn weg gut abgeholt, informiert und begleitet und beschloss, sich für ein «Dauerpflegkind» zu bewerben. Damit es für beide Seiten stimmt, wird die potenzielle Pflegefamilie quasi «durchleuchtet», unter anderem mit Vorlegen des Straf- und des Betreibungsregisterauszugs, was die Stuhrs voll und ganz unterstützen: «Schliesslich soll alles passen und man will dem Kind möglichst einen weiteren Wechsel ersparen, hat es doch schon ein Schicksal hinter sich, das es zu verarbeiten gibt.»

Respekt vor der Aufgabe
Als künftige Pflegeeltern konnten sie Wünsche bezüglich des Kindes angeben. Die Familie Stuhr hielt sich damit aber bewusst zurück. Geschlecht oder Hautfarbe des Kindes spielen keine Rolle. Allerdings soll es altersmässig zu ihren leiblichen Kindern passen, also möglichst ein bis zwei Jahre jünger sein als Tilda. Ein weiterer Punkt war die Religion. «Wir sind beide nicht religiös und ein Kind einer strengen Glaubensrichtung, egal welcher, würde uns überfordern», sind die beiden überzeugt. Respekt vor der Aufgabe sei immer da, sind sich die beiden einig, und auch, dass es nicht ohne Probleme gehen wird. «Trotz aller Vorbereitung ist es ein Stück weit ein Abenteuer, auf das wir uns einlassen.»

Kinder miteinbezogen
Als die Pläne konkreter wurden, wurden auch Linus und Tilda miteinbezogen, obwohl diese die ganze Tragweite des Vorhabens natürlich rein altersbedingt nicht abschätzen können. Die beiden waren erst etwas skeptisch. Fragen kamen auf wie «Muss ich dann teilen? oder «Macht das Kind uns dann alles kaputt?» Linus meinte: «Okay, wenn schon, dann aber ein Junge, mit dem man ‹tschutten› kann, Tilda fand, lieber eine Schwester, denn Brüder sind doof.» Auch hierbei seien die Mitarbeiter der Fachstelle Pflegekind Aargau unterstützend zur Seite gestanden und hätten mit den Kindern über ihre Bedenken und Ängste gesprochen. Tilda und Linus freuen sich mittlerweile auf den Familienzuwachs. Sie beziehen ihr Pflegegeschwisterchen sogar schon ganz selbstverständlich mit in ihre Gespräche und Planungen ein.
Dass seine Frau mehrheitlich zuhause und mit den Kindern beschäftig und so auch mit dem Pflegekind beschäftigt sein wird, sei so nicht geplant gewesen, sondern einfach so gewachsen, erzählt Frank Stuhr, der als Steuerberater tätig ist. Mareike Stuhr ist gelernte Orthopädietechnikerin. Ihre Stelle liess sich aber schlecht mit der Familie vereinbaren und so kam es zum klassischen Familienmodell. Allerdings versucht der Papa so viel Zeit wie möglich mit den Kindern zu verbringen. «Er ist eine unheimliche Unterstützung im Familienalltag», sagt seine Frau. Im Fussballclub, wo sein Sohn bei den E-Junioren spielt, engagiert er sich zudem als F+G-Junioren-Trainer. Mareike Stuhr, die zurzeit noch eine Ausbildung zur Hundetrainerin macht, leitet schon seit längerem Muki-Turnen. Überhaupt ist es den beiden wichtig, sich im Dorf zu engagieren. Und sie wollen auch bewusst damit nicht hinter dem Berg halten, dass sie bald Familienzuwachs erhalten.
«Unser engeres Umfeld weiss es aber schon länger», sagen die beiden. Und sei von allen gut aufgenommen worden. «Das war uns wichtig, denn künftig werden wir schliesslich zu fünft auftreten.» Wann das Pflegekind Einzug in die Familie hält, ist noch offen. Es kann schon nächste Woche, aber auch erst nächstes Jahr sein», sagt Mareike Stuhr. Sicher ist, dass die erste Begegnung auf «neutralem Boden» stattfindet. Es soll eine behutsame Annäherung stattfinden, um das Kind nicht zu überfordern. Also mal ein längerer Besuch bei der Familie, eine Übernachtung usw., um herauszuspüren, ob sich beide Seiten eine dauerhafte Beziehung vorstellen können. Auch muss sich eine Pflegefamilie darauf einstellen, unter Umständen auch die leiblichen Eltern kennenzulernen und ihnen ein Besuchsrecht einzuräumen.

Ein stabiles Umfeld bieten
So sehen sich sich derzeit immer noch im «Aufbauprozess». Sie besuchen im Oktober beispielsweise als Bestandteil des Aufnahmeprozesses ein Seminar für Pflegeeltern, um sich weiter zu informieren und sich gegenseitig auszutauschen. «Bei der ‹Fachstelle Pflegekind Aargau› fühlen wir uns sehr gut aufgehoben und wir fühlen uns nach wie vor wohl mit unserer Entscheidung», betonen die beiden, für die ein Rückzieher kein Thema ist.
Für die Zukunft mit Pflegekind wünschen sich die Stuhrs, dem Kind ein stabiles Umfeld bieten zu können, in dem es sich wohlfühlt. «Es soll sich nicht komplett alleine auf der Welt fühlen und spüren, dass es bei uns willkommen ist.» Wenn es irgendwann Vertrauen zu ihnen gefasst habe, sei schon viel erreicht. Ziel wäre es, das Kind bis zur Volljährigkeit begleiten zu dürfen. «Es wäre schön, eines Tages zu hören: ‹Es war eine coole Zeit bei euch!›», sagen die beiden, sind sich aber gleichzeitig bewusst, dass bis dahin noch ein weiter Weg ist.

«Pflegefamilie werden»
Die «Fachstelle Pflegekind Aargau» lädt am 26. Oktober in Laufenburg zu einem Informationsanlass «Pflegefamilie werden» ein. Dort werden Informationen rund um das Pflegekindwesen in Bezug auf Kurz-, Mittel- oder Langzeitaufenthalt und über die Zusammenarbeit mit der «Fachstelle Pflegekind Aargau» vermittelt. Zudem werden Pflegeeltern aus ihrem Alltag berichten und für Fragen zur Verfügung stehen. Im Anschluss steht ein Apéro bereit.
Aufgrund der eingehenden Anfragen sind derzeit auch viele Familien oder Paare gesucht, welche Kinder an Wochenenden oder während einigen Wochen pro Jahr betreuen möchten. Details zum Anlass in Laufenburg siehe Kasten.

Bild: Sie freuen sich auf ein weiteres Familienmitglied: Das Ehepaar Mareike und Frank Stuhr mit ihren beiden eigenen Kindern Linus und Tilda. Foto: Sonja Fasler